Warum Windkraftpläne Berggießhübel „erblinden“ lassen könnten
Das Seismologische Observatorium Berggießhübel (BRG) der TU Bergakademie Freiberg gehört dank seiner geschützten Lage im tiefen Felsgestein mit zu den rauschärmsten und empfindlichsten Messstationen Deutschlands. Doch die aktuellen Planungen für neue Windenergiegebiete im direkten Umkreis könnten die Station für weltweite Messungen unbrauchbar machen.
Windkraftanlagen (WKA) erzeugen durch die Bewegung der Rotoren und den Winddruck auf die Türme kontinuierliche, niederfrequente Schwingungen. Diese werden über die Fundamente als seismische Wellen in den Boden übertragen. Im Festgestein unserer Region breiten sich diese Wellen kilometerweit aus. An hochempfindlichen Stationen wie in Berggießhübel führt das zu einem permanenten künstlichen Hintergrundrauschen. Die Folge: Schwache Signale natürlicher Erdbeben werden überlagert – die Station verliert ihre „Sehkraft“ für feine Schockwellen.
Wie massiv dieser Einfluss bei modernen Windkraftanlagen tatsächlich ist, zeigt das bundesweite Forschungsprojekt dbMISS (u.a. koordiniert durch die Universität Münster, das KIT Karlsruhe und die DMT). Die Wissenschaftler untersuchen dort intensiv den Konflikt zwischen Windenergie und Seismologie. Die Kernfakten aus der Forschung machen deutlich:
- Großanlagen als Schwingungsriesen: Moderne Windkraftanlagen der Megawatt-Klasse (größer als 4 MW) emittieren aufgrund ihrer enormen Turmhöhen und schweren Gondeln weitaus stärkere tieffrequente Erschütterungen im Bereich von unter 1 Hz bis 10 Hz als ältere Anlagentypen.
- Enorme Reichweite: Numerische 3D-Modellierungen und Messprofile im Rahmen des Projekts belegen, dass sich diese seismischen Störsignale – je nach Untergrund – über Distanzen von bis zu 18 Kilometern im Boden ausbreiten können. Eine Dämpfung im harten Fels erfolgt oft erst viel zu spät.
VGW 79 und VGW 93 im Fokus
In Sachsen gilt ein klares Schutzkriterium: Die künstliche Rauschleistung darf das extrem niedrige natürliche Rauschniveau der Station nicht überschreiten (Quelle: geologie.sachsen.de). Da das dbMISS-Projekt zeigt, dass die kritische Reichweite moderner Anlagen weit über die alten Standard-Radien hinausgeht, sind die neuen sächsischen Planungsareale im Umkreis von 2,5 bis 10 Kilometern um das Observatorium als hochkritisch einzustufen:
- VGW 79 (Cottaer Ebenheit): Liegt nur ca. 2,5 Kilometer Luftlinie nordwestlich der Station. Hier sind voraussichtlich 2–3 moderne Großwindkraftanlagen denkbar.
- VGW 93: Diese deutlich größere Fläche liegt ebenfalls voll im kritischen Radius und bietet Platz für schätzungsweise 7 weitere Anlagen.
Problemfall Kumulationseffekt
Das Hauptproblem liegt in der Summenwirkung. Unmittelbar neben den neuen Planflächen drehen sich im VGW 78 bereits Windkraftanlagen, die den Boden kontinuierlich anregen. Das seismische „Budget“ des Standorts ist damit vermutlich bereits ausgeschöpft.
Kommen nun die geplanten Anlagen auf der Cottaer Ebenheit (VGW 79) und im großflächigeren VGW 93 hinzu, wächst das Windkraft-Cluster im sensiblen Radius auf ggf. bis zu 17 Großanlagen an. Die Schwingungen überlagern und verstärken sich im Untergrund (Interferenz). Die moderne Filtertechnik stößt hier an ihre Grenzen: Das dbMISS-Projekt erforscht zwar spezielle Datenfilter, doch ein derart massiver Signalrauschpegel von 17 umliegenden Großanlagen lässt sich vermutlich aus den hochsensiblen Erdbeben-Rohdaten nicht mehr schadlos herausrechnen.
Fazit
Die schiere Masse an potenziellen Anlagen dürfte also die wissenschaftliche Arbeit in Berggießhübel fundamental bedrohen. Nicht ohne Grund wird in der Anlage 3 der Begründung des Regionalen Planungsverbandes im Punkt Infrastruktur (Seite 183) auf die Entfernung des VGW79 zur seismologischen Messstation explizit hingewiesen. Im anstehenden Genehmigungsverfahren stellt das Observatorium unserer Meinung nach einen gewichtigen, hindernden Belang dar. Da in Sachsen für jede neue Anlage im VGW 79 und VGW 93 auf Basis aktueller physikalischer Ausbreitungsmodelle im Rahmen einer Einzelfallprüfung der Nachweis erbracht werden muss, dass die sächsischen Grenzwerte trotz der vorhandenen Bestandsanlagen eingehalten werden, dürften zu vermuten sein, dass die Pläne in dieser Form kaum haltbar sein.


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